16.10.2020—31.01.2021

WE HYBRIDS!

Kunst, Gruppenausstellung, Roma

Opening 15.10.2020 H18:30
Eingang: Via Ludovisi 48

Pressetexte

Dates
16.10.2020
31.01.2021
Location
Roma
Category
Kunst, Gruppenausstellung
Information

Opening 15.10.2020 H18:30
Eingang: Via Ludovisi 48

Hybride Wesen oder Mischwesen bevölkern seit jeher unseren kulturellen Denkraum. Bereits in den ältesten überlieferten Zeichnungen oder Skulpturen finden sich Wesen, die sich eindeutigen Zuschreibungen zu bestimmten Spezies entziehen und deren Körper Assemblagen aus Menschen und Tieren oder verschiedenen Tieren sind. Denken wir nur an die Grosse Sphinx von Gizeh oder an den Faun, ein Mischwesen aus Mensch und Ziegenbock, das die römischen Mythologie bevölkert.

In der Gegenwart des 21. Jahrhunderts sind hybride Wesen omnipräsent. Einerseits multipliziert sich mit den fortschreitenden (computer-)technologischen aber auch naturwissenschaftlichen und gentechnischen Entwicklungen ihre potentielle Gestalt in einer noch nie dagewesenen Art und Weise. Hybride Wesen sind gegenwärtig weniger menschliche und tierische Mischwesen, als vielmehr eine sehr reale Vermengung von menschlicher (oder anderer organischer) und nicht belebter Materie. Wir alle sind hybride Wesen: So ist mein iPhone längst verlängerter Teil meines Körpers, derweil das Implantieren von Mikrochips unter die Hautoberfläche und die so erlangte Erweiterung menschlicher Fähigkeiten ebenso Realität sind. Zugleich gibt es die Ebene der unsichtbaren, synthetischen, auch hormon- und psychoaktiven Substanzen, die wir konsumieren, die sich mit unseren Körpern vermengen und durch die wir zu hybriden Kreaturen werden. Je nach Blickwinkel oder Kontext können diese Transformationen ebenso kapitalistisch genährte Optimierungsversuche wie selbstgewählte, widerständige Gesten sein. Andererseits sind hybride Wesen und das Konzept von Hybridität anregende Denkfiguren. Spekulationen über eine posthumane Welt oder Donna Haraways Cyborgs können ebenso wie ein erweiterter Blick auf die Hybridität als Mischform von zwei eigentlich getrennten Systemen das Nachdenken über unsere Gegenwart befeuern. Sie bergen das Potenzial für alternative, nichthierarchische und die unterschiedlichsten Spezies versammelnde Gesellschaftskonzepte oder Überlebensstrategien in einer so utopischen wie dystopischen Zukunft.

WE HYBRIDS! ist also sowohl Behauptung als auch These. Die Gruppenausstellung versammelt sechs jüngere Schweizer Künstlerinnen und Künstler, die sich in verschiedenen Medien und Erzählformen mit hybriden Wesen und Ideen von Hybridität auseinandersetzen. Die Wechselwirkungen und Verbindungen zwischen Mensch und Technik, aber auch die Vermischung von organischen, mikrobiellen oder mechanischen Körpern beschäftigen Vanessa Billy (*1978/Genf, lebt und arbeitet in Zürich). In der Ausstellung zeigt sie unter anderem Glasobjekte, die als Hybride ohne klare Körperformen erscheinen, oder eine Installation mit Latex-‚Häuten‘, die von einem Mischwesen aus Mensch, Tier und Maschine stammen könnten. Chloé Delarue (*1986/Le Chesnay, FR, lebt und arbeitet in Genf) interessiert sich ebenso für Cyberpunknovellen wie für den Einfluss technologischer Entwicklungen auf den menschlichen Körper und Geist. Seit 2015 arbeitet sie an ihrem Werkkomplex TAFAA (Toward A Fully Automated Appareance), dessen Objekte hybride Assemblagen aus organischen und nicht-organischen Materialien sind, die an etwas wie archäologische Überreste der Zukunft erinnern. Florian Germann (*1978/Kreuzlingen, lebt und arbeitet in Zürich) experimentiert mit verschiedenen Materialien und deren, wie er sagt, Energien und lädt seine Skulpturen mit ganz eigenen Geschichten auf. Er ist fasziniert von Blade Runner, von Cyborgs oder von Aliens. Die eigens für die Ausstellung geschaffenen Objekte sind eine Mischung aus Mensch, Tier und Maschine. Durch die Venen der warm, fast hautfarben schimmernden, geometrisch reduzierten ‘Kreaturen’ fliessen Benzin und Öl. Angetrieben von spekulativen Erzählformen aus der Science-Fiction-Literatur, wo sich Fiktion und Realität vermengen, basiert Gabriele Garavaglias (*1981/Vercelli, IT, lebt und arbeitet in Zürich) Fotoserie Fook Moon (2018/2020) auf einer Performance und zeigt Porträts von, sagen wir, menschenähnlichen Kreaturen, deren Augen jedoch unheimlich unmenschlich sind. Derweil warnt uns das grosse, an die Wand gesprayte Symbol vor der ‘Biogefährdung’ (‘Biohazard’). Das Zeichen wurde in den 1960er Jahren entwickelt und warnt vor Gefahren, die von biologischen Substanzen oder Organismen ausgehen – medizinische Abfälle, mit Mikroorganismen kontaminierte biologische Proben oder Viren. Es warnt also vor Ansteckung und in diesem Sinne auch vor der Vermengung menschlicher und nicht menschlicher Materie, vor dem hybriden Wesen. Dominique Koch (*1983/Luzern, lebt und arbeitet in Basel und Paris) spürt in ihrer Videoarbeit Holobiont Society unter Rückgriff auf den biologischen Begriff des Holobiont, der ein symbiotisches Gefüge aus Wirt, Mikroben, Bakterien und Viren beschreibt, den Machtverhältnissen der kapitalistischen Gegenwart nach, die als hybrides, mitunter auch konfliktreiches System funktioniert. Pamela Rosenkranz (*1979/Altdorf, lebt und arbeitet in Zürich und Steinhausen) schliesslich zeigt drei neue Gemälde aus der Serie Sexual Power, wofür sie beim Malen den synthetisch produzierten Stoff Viagra konsumiert und dabei durch die Vermengung ihrer eigenen menschlichen Fähigkeiten mit einem künstlich produzierten Stoff zu einem hybridartigen Wesen mutiert.

 

 

Zeitgleich mit der Gruppenausstellung WE HYBRIDS! wird mit EUROWOLF im Garten des Istituto Svizzero eine weitere Arbeit von Florian Germann eingeweiht, die als neue ortsspezifische Installation im Aussenraum eine Verbindung zwischen der Stadt Rom und dem Hügel der Villa Maraini schafft. Die nach dem Fell einer rumänischen Schwarzwölfin (die Weibchen dieser Spezies sind grösser als die Männchen, so erzählt es der Künstler) modellierte Skulptur ist an einem der hohen Bäume im Park befestigt. Ihre reflektierende Oberfläche wirft die Sonnenstrahlen an einen bestimmten Punkt in die Stadt. Dabei erinnert das Objekt nicht nur an den Gründungsmythos Roms, sondern schafft auch eine Referenz an die soziale Ordnung der Wolfsrudel, die als soziales Konglomerat funktionieren. Schliesslich steht die «Wolfsmaschine» – wie der Künstler das Objekt nennt – auch in einem Bezug zum Thema der Ausstellung WE HYBRIDS!, ist sie doch ihrerseits eine Art Mischwesen zwischen Tier und Maschine, und lässt uns vielleicht auch an die von Donna Haraway propagierte Verwandtschaft zwischen Menschen und Tieren denken, an ihre Aufforderung, sich ‘verwandt’ zu machen, sich in wohl auch konfliktreiche und doch hybride Verstrickungen zu begeben. Und just da erinnern wir uns vielleicht wieder an Romulus und Remus, die von einer Wölfin gesäugt und von einem Specht gefüttert wurden.

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