18.12.2020—25.01.2021

TOUJOURS

Kunst, Milano

24/7 – public space
Piazza Cavour LED screen: 18-22 Dezember 2020 & 14-25 Januar 2021

Information

Dates
18.12.2020
25.01.2021
Location
Milano
Category
Kunst
Information

24/7 – public space
Piazza Cavour LED screen: 18-22 Dezember 2020 & 14-25 Januar 2021

Der französische Ausdruck ‘toujours’ bezeichnet eine Zeitlichkeit – immer, allezeit. Zugleich steckt da auch die Wendung ‘Tous les jours’ drin. Alle Tage also. TOUJOURS ist eine Zusammenarbeit des Istituto Svizzero mit Student*innen vom Bachelor Studiengang in Fine Arts der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) und entstand im Unterricht mit Nadia Graf und Thomas Julier. Der grosse LED-Screen auf dem Dach des Eckgebäudes an der Piazza Cavour in Mailand – wo sich nicht nur die Ausstellungsräume des Istituto Svizzero, sondern auch das Schweizer Konsulat und das Restaurant ‘Swiss Corner’ befinden – dient vor und nach Weihnachten an ausgewählten Tagen – ‘toujours’ – als Display für eine Serie von künstlerischen Arbeiten und Interventionen. Die Piazza: Ein Ort, an dem Menschen auf ihrem Arbeitsweg alle Tage vorbei gehen – ein für sie alltäglicher und gewohnter Ort. Das Display: ein Ort öffentlicher Informationskundgebungen – anonym und distanziert. Zurzeit aber auch ein Ort, der während der pandemiebedingten Museumsschliessungen öffentlich zugänglich bleibt. Eine Plattform für kulturstiftende Impulse – ein geteilter Bildschirm.

Vom 18. bis 22. Dezember wurden die Werke der ersten vier Schüler gezeigt, und vom 14. bis 23. Januar werden weitere zehn Werke gezeigt, während am 25. Januar auf dem Bildschirm eine Zusammenfassung der Beiträge aller teilnehmenden Schüler gezeigt wird.
Den künstlerischen Arbeiten gemeinsam ist der spielerische Umgang mit dem so alltäglichen wie exponierten Ort und ihre Auseinandersetzung mit den Besonderheiten des gekrümmten LED-Bildschirmes und seiner fast gigantischen Grösse. Darüber hinaus sind die Arbeiten der Studierenden auch eine Reflexion über die Präsenz von Bildschirmen im öffentlichen und privaten Leben und den Fragen, wie sie unseren Blick, unsere Wahrnehmung der Welt verändern oder wie die digitalen Medien neue Formen von Öffentlichkeit generieren. In diesem Fall sind nicht nur die Mailänder *innen auf der Piazza Cavour beim Betrachten der Kunstwerke mit einem Bildschirm konfrontiert, sondern wir alle. Als Bühne für gemeinsame Diskussionen über die künstlerischen Arbeiten per Videokonferenz waren Bildschirme nämlich auch im Entstehungsprozess allgegenwärtig.  Die Bildschirmkultur war dementsprechend ein Thema, dass die Arbeit an den Werken begleitet hat: zuhause, im Unterricht, im Dialog zwischen Angehörigen des Istituto und der ZHdK und schliesslich auf der Piazza Cavour.

Nachfolgend finden Sie die Liste der Student*innen vom Bachelor Studiengang in Fine Arts der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), die von Nadia Graf und Thomas Julier koordiniert wurden:

Dezember 2020
Julius Peter Jenny, Untitled, 2020
Suphansa Buraphalit, Dizionario Gen Z per Milano, 2020
Roldan Palomino, Sebastian Eduardo, Thank you all for the wonderful comments, 2020
Elena Corvaglia, For sale. Tap water occasionally. 2014-2020, 2020

Januar 2021
14.01. Zoé Wagner, Non fermarti, 2020
15.01. Jan Stolze, The Local Video, 2020
16.01. Lisa Elena Mauriello, Welcome to the Private Show, 2020
17.01. Jonas Tim Moser, Karaoke, 2020
18.01. Viviane Johanna Porret, Ten Days in Quarantine, 2020
19.01. Rebecca Solari, Per sempre, 2020
20.01. Flavia Trachsler, Skewed to be suitable, 2021
21.01. Anastasia We, Guess what?, 2020
22.01. Carlo Schwager, Game Over, 2020
23.01. Saskia Sutter, My Secret Garden, 2020

Alle zusammen: 25.01.2021.

Elena Corvaglia projiziert in ihrer Arbeit For sale. Tap water occasionally (2014–2020) private und ganz normale, alltägliche Räume auf den grossen Bildschirm. Private Räume jedoch, die bereits in einem gewissen Sinne öffentlich sind, arbeitet die Künstlerin doch mit Bildmaterial, das sie auf Immobilienportalen aus ihrer Heimat, der von prorussischen Separatisten besetzen Ostukraine, gefunden hat. Die intimen Einblicke in die fremden Bäder oder die ungemachten Schlafzimmer wirken auf dem grossen Bildschirm befremdend, fast unangenehm. Sie irritieren uns durch die omnipräsenten Plastikeimer und anderen Gefässe. Elena Corvaglia weist damit auf ein Problem ihrer kriegsgeschädigten Heimat hin: In vielen Häusern funktioniert die Wasserversorgung nur mangelhaft und die Menschen müssen Wasserreserven in Plastikeimern anlegen.

Auch Julius Peter Jenny kreiert mit Untitled (2020) Einblicke, die er gross auf dem LED-Screen zeigt. Seine Räume sind jedoch von fantastischer, ja surrealer Art. Der Künstler, der eigentlich vor allem malt, nutzt die digitalen Eigenheiten des Bildschirms um seine Gemälde in ein anderes Medium zu übersetzen, in einen anderen Raum zu transformieren. Von seltsamen Sonnen und rätselhaften Lichtquellen beleuchtet, zwischen schimmernden Stoffen und drapierten Tüchern platziert, sehen wir gerenderte Landschaften mit kahlen Bäumen, klassische Stillleben oder verschlungene Körper. Entstanden sind diese Phantasien, Landschaften und Szenen am Bildschirm und in den labyrinthischen Architekturen von 3D-Computerprogrammen. Hoch über der Piazza Cavour eröffnen sie eine andere, geheimnisvolle Welt, die ebenso anziehend wie unheimlich ist.

Thank you all for the wonderful comments (2020) nennt Sebastian Eduardo Roldan Palomino seine aus YouTube-Screenshots bestehende Arbeit. Der Künstler ist dabei einem offensichtlich durchaus verbreiteten und durchaus auch humorvollen Phänomen auf die Spur gekommen: Menschen kommentieren die Musikvideos auf der digitalen Videoplattform, in denen ihre Brüder, Tanten, Ehefrauen, Mütter oder Kinder auftreten. In den Kommentarspalten lesen wir beispielsweise: «Mio padre – voce unica», «THAT’S MY DAD!!!», «This is actually my grandmother!” Thank you all for the wonderful comments erinnert uns wohl nicht nur daran, dass sich im digitalen Raum Privates und Öffentliches manchmal seltsam überkreuzen, sondern auch an die Tatsache, dass das gemeinsame Singen an Weihnachten im Pandemiejahr 2020 wohl ein bisschen anders ausfallen wird.

Suphansa Buraphalit hat für den LED-Screen an der Piazza Cavour die Arbeit Dizionario Gen Z per Milano entwickelt. Die Künstlerin hat hierfür nach Ausdrücken und Redewendungen der sogenannten ‘Generation Z’ recherchiert, zu der Menschen gerechnet werden, die in den ersten zwei Jahrzehnten der 2000er Jahre zur Welt gekommen sind und sich leichtfüssig im digitalen Raum zurechtfinden und intuitiv mit den entsprechenden Devices, Apps oder Plattformen umgehen können. Eine Generation also, für die ein Bildschirm auch das Tor zu Welt bedeutet. Das ‘Wörterbuch für Milano’ versammelt Begriffe, die uns je nach Generationszugehörigkeit vertraut oder unvertraut sind, und führt uns vor Augen, dass Sprache kein statisches Konstrukt ist, sondern sich dauernd verändert und adaptiert.

Zoé Wagner präsentiert die Arbeit Non fermarti (2020), in der sie sich mit dem Begriff der ‘Sequenz’, also eine Aufeinanderfolge, beschäftigt, die ebenso eine Abfolge von Filmeinstellungen, von Neuronen, von gleichartigen musikalischen Abschnitten auf verschiedenen Tonstufen oder auch von Tanzschritten bezeichnen kann. Die Künstlerin fokussiert letztgenanntes: Füsse bewegen sich tanzend über einen Spiegelboden, eine uns unbekannte Sequenz von Schrittfolgen ausführend. Unten auf der Piazza Cavour stehend, blicke ich hoch zu diesen Füssen – übergross und weit über dem Strassenniveau. Und vielleicht bemerke ich plötzlich, dass auch die Füsse der Menschen um mich herum – mal hastig mal weniger hastig – unzählige unterschiedliche Sequenzen von Schrittfolgen aufführen.

Die Arbeit The Local Video (2020) von Jan Stolze ist eine Annäherung an einen Ort, an einen Städtischen Kontext. Die Kamera scheint sich langsam an Fassaden und Fensterfronten entlang zu tasten, manchmal wird ein Stück Himmel sichtbar. Präsentiert auf dem grossen Bildschirm an der Piazza Cavour, generiert The Local Video eine Verdoppelung. Wir sehen die Fassade des zwischen 1947 und 1952 vom Schweizer Architekten Armin Meili erbauten ‘Swiss Center’ – auf dessen vorgelagerten Gebäude der LED-Bildschirm angebracht ist. Und wir sehen die Überreste eines mittelalterlichen Stadttores – vor uns auf dem Bildschirm und rechts daneben, in ‘echt’. Jan Stolze war noch nie auf der Piazza Cavour in Mailand. Er erforscht den Ort mit Google Streetview. Ein Tool, das uns allen längst vertraut ist, das uns die Welt da draussen zu uns bringt, auf unsere Telefon- und Computerbildschirme.

Welcome to the Private Show (2020) nennt Lisa Elena Mauriello ihre Arbeit, die sie eigens für den LED-Screen entwickelt hat. Langsam fährt die Kamera über drapierte Stoffstücke und pinkfarbene Glitzerpartikel. Die Künstlerin spielt mit der Bedeutung von Privatheit und Öffentlichkeit. Sie präsentiert eine (vielleicht ihre?) ‘Private Show’ in Übergrösse und für alle Passantinnen und Passanten sichtbar auf einem öffentlichen Platz in Mailand und behauptet dabei durchaus ein Moment der Intimität. Lisa Elena Mauriellos Arbeit mag so auch eine Referenz an die durch Social Media beschleunigte Vermengung von öffentlicher und privater Sphäre sein. Sehen wir doch Instagram oder TikTok nicht nur Katzenvideos oder politische Aufrufe, sondern nehmen mitunter auch am Privatleben anderer Menschen teil.

“Oh, baby, don’t hurt me” lese ich gross auf dem LED-Screen und in meinem Kopf summt die Melodie weiter. Jonas Tim Moser collagiert für seine Arbeit Karaoke (2020) die Texte von berühmten Popsongs, wie sie in Karaokebars verwendet werden und auch Youtube zu finden sind. Es sind Songs, die wir wohl alle kennen und die wir wohl alle schon mal irgendwo aus voller Brust und in schrägen Tonlagen mitgesungen haben. Bezeichnenderweise brauch Karaoke hierfür keinen Ton. Denn eben, die Melodien summen bereits im Kopf. Mal schauen, ob jemand den Mut findet, auf der Mailänder Piazza Cavour mitzusingen.

Mit Ten days in quarantine (2020) greift Viviane Johanna Porret ein Thema auf, das uns allen ungeahnt vertraut geworden ist. Die Quarantäne, also die zeitlich befristete Isolierung wird gegenwärtig als eine Mittel zur Eindämmung der Pandemie propagiert. Sowohl der Begriff als auch das Konzept sind jedoch viel älter: Bereits in der Antike war es üblich, kranke Menschen zu isolieren, während der Ausdruck ‘Quarantäne’ im romanischen Sprachgebiet auf die 40 (Italienische: quaranta, Französisch: quarante) Tage verweist, die sich seuchenverdächtige Ankömmlinge beispielsweise am Hafen von Venedig isolieren mussten. Wir Menschen können diese vorübergehende Isolierung kognitiv erfassen und uns mitunter mit dem Backen von Sauerteigbroten beschäftigten – wie aber ist es für die Hunde aus, die die Quarantäne wohl zwangsläufig mitmachen müssen? Viviane Johanna Porret zeigt Bilder von Hunden, die auf Sofas oder Betten liegen und erinnert uns daran, dass die Wahrnehmung der Welt für sie mitunter eine andere ist.

Per Sempre nennt Rebecca Solari ihre Arbeit, die eine Art Collage oder Montage mit multiplen Versionen ihrer selbst ist. Das Gesicht der Künstlerin ist in verschiedene, gefundene und eigens kreierte Grafiken hineinmontiert, immer wieder auch kombiniert mit dem Schriftzug ‘Forever Solari’ oder eben ‘Per sempre Solari’, einmal lesen wir gar ‘Solari Show’. Die Künstlerin spielt damit auf die Unterhaltungsindustrie und auch auf Shows wie ‘Big Brother’ (‘Grande Fratello’) oder andere Formate an, mit denen Menschen aus dem Nichts berühmt wurden und gerade auch in Italien einiges an medialer Aufmerksamkeit genossen.

Flavia Trachsler kreiert in ihrer Arbeit Skewed to be suitable (2021) einen Raum, einen schmalen, einengenden Raum. Auf den LED-Screen guckend, öffnet sich dieser Raum vor unseren Augen. Darin sehen wir Figuren, die langen Arme und Beine eingeengt von den beengenden Platzverhältnissen. Skewed to be suitable kann in diesem Sinne als eine Art Metapher gelesen werden. Eine Metapher vielleicht auf die jetzige pandemiebedingte Situation, in der unser aller Bewegungsradius eingeschränkt ist, eine Metapher aber auch auf das Dasein in einer Gesellschaft, in einer Welt, in der Normen und Regeln mitunter auch einengend wirken können.

Guess what? nennt Anastasia We ihre Arbeit und formuliert in diesem Sinne eine Aufforderung genau hinzugucken und zu raten. Und übrigens könnten, so erklärt die Künstlerin, alle raten, ob alt oder jung. Die mit schnellen Strichen gezeichneten Motive – Kirschen, ein Baseballschläger, Pinguine oder Raketen – geben tatsächlich eine Art Bilderrätsel auf und fügen sich in unseren Köpfen zu ganz eigenen und immer wieder neuen Geschichten zusammen.

Gamer Over lesen wir in grossen schwarzen Buchstaben auf leuchtend grünem Hintergrund. Seine Arbeit sei, so sagt Carlo Schwager, vom so genannten ‘Sturm aufs Capitol’ am 6. Januar 2021 inspiriert, als gewaltbereite Anhänger von Trump in Washington das Regierungsgebäude gestürmt haben. Während auf Social Media tatsächlich Memes kursierten, die an Absperrungen gescheiterte Angreifer mit ‘Game Over’ kommentierten, will der Künstler unsere Wahrnehmungsgewohnheiten aufrütteln. ‘Was it just a dream?’ fragt er uns dann auch und erschreckt stellen wir fest, dass wir uns tatsächlich nicht in einem dystopischen Computerspiel, sondern in einer mitunter nicht weniger dystopischen Realität befinden.